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Sundowning bei Demenz

  • Autorenbild: Mefküre Ülker
    Mefküre Ülker
  • 4. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Juni

Warum abends Unruhe entsteht und was Angehörige tun können


Sundowning beschreibt eine Zunahme von Unruhe, Angst, Reizbarkeit, Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit am späten Nachmittag, am Abend oder in der Nacht. Viele Angehörige erleben genau diese Phase als besonders belastend: Der Tag war lang, die eigene Kraft lässt nach, und gleichzeitig steigt der Unterstützungsbedarf.


Wichtig ist: Sundowning ist kein Trotz und kein absichtliches Verhalten. Häufig zeigt sich darin ein überfordertes Nervensystem, das Sicherheit, Orientierung und Halt sucht.


Für Angehörige und Pflegekräfte ist diese Situation oft schwer auszuhalten. Was tagsüber noch ruhig und vertraut wirkte, kann am Abend plötzlich kippen: Die betroffene Person wird unruhig, möchte „nach Hause“, läuft umher, sucht jemanden, wirkt ängstlich oder reagiert gereizt. Genau deshalb braucht Sundowning nicht nur Geduld, sondern fachliche Einordnung.


Ältere Frau mit Demenz sitzt im Rollstuhl am Ende eines beleuchteten Flurs – symbolisiert Unruhe und Orientierungssuche in den Abendstunden (Sundowning).

Was bedeutet Sundowning bei Demenz?


Sundowning ist kein eigenes Krankheitsbild. Es beschreibt ein Muster von Symptomen und Verhaltensweisen, die bei Menschen mit Demenz im Tagesverlauf zunehmen können, häufig am späten Nachmittag oder Abend.


Typische Anzeichen können sein:

Unruhe, Angst, Reizbarkeit, Misstrauen, Orientierungslosigkeit, Umherlaufen, Schlafprobleme, wiederholtes Fragen, innere Anspannung oder der Wunsch, einen bestimmten Ort aufzusuchen.


Manchmal sagen Menschen mit Demenz dann Sätze wie:

„Ich muss nach Hause.“

„Ich muss meine Mutter suchen.“

„Ich darf hier nicht bleiben.“

„Ich muss noch etwas erledigen.“


Solche Aussagen sollten nicht vorschnell korrigiert oder diskutiert werden. Oft geht es nicht um den sachlichen Inhalt, sondern um ein Gefühl: Unsicherheit, Sehnsucht, Überforderung oder das Bedürfnis nach Vertrautheit.



Warum tritt Sundowning am Abend auf?


Die Ursachen sind meist nicht eindeutig. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen.

Ein wichtiger Punkt ist Erschöpfung. Menschen mit Demenz müssen im Alltag viel mehr leisten, als von außen sichtbar ist. Geräusche, Gespräche, Entscheidungen, Bewegungen, fremde Reize und soziale Situationen können das Gehirn stark belasten. Am Abend ist die innere Kompensationsfähigkeit oft geringer.


Auch Licht spielt eine Rolle. Wenn es dunkler wird, verändern sich Schatten, Kontraste und räumliche Eindrücke. Für Menschen mit Demenz kann das irritierend oder bedrohlich wirken. Eine schlecht ausgeleuchtete Umgebung kann Unsicherheit verstärken.


Hinzu kommen mögliche körperliche Ursachen: Hunger, Durst, Schmerzen, Harndrang, Müdigkeit, Infekte, Nebenwirkungen von Medikamenten oder schlechter Schlaf. Deshalb sollte Sundowning nie nur als „typisch Demenz“ abgetan werden.



Was Angehörige konkret tun können


Beim Sundowning hilft selten mehr Aktion. Meist hilft mehr Struktur.

Ein ruhiger Tagesausklang kann entlastend wirken. Dazu gehören feste Rituale, ein regelmäßiger Tagesablauf, vertraute Abläufe und eine Umgebung, die möglichst wenig überfordert.


Hilfreich können sein:

Eine gute Beleuchtung am Abend. Ruhige Musik. Weniger Fernsehreize. Eine leichte Abendmahlzeit. Bekannte Gegenstände. Ein kurzer Spaziergang am Nachmittag. Weniger Termine am späten Tag. Eine ruhige Stimme. Kurze Sätze. Nicht zu viele Fragen.


Wichtig ist auch, Auslöser zu beobachten. Tritt die Unruhe immer nach Besuch auf? Nach dem Fernsehen? Nach dem Abendessen? Bei Dunkelheit? Wenn eine bestimmte Person geht? Oder wenn Schmerzen, Harndrang oder Müdigkeit auftreten?


Ein einfacher Beobachtungsbogen kann helfen:

Wann beginnt die Unruhe?

Was ist vorher passiert?

Wie war der Tag?

Gab es Schmerzen, Hunger, Durst oder Harndrang?

Welche Reaktion hat geholfen?

Was hat die Situation verschärft?


So entsteht aus einer belastenden Situation langsam ein Muster, das besser verstanden werden kann.



Was Sie besser vermeiden sollten


In angespannten Situationen ist es verständlich, dass Angehörige erklären, korrigieren oder beruhigen möchten. Manchmal verstärkt genau das aber die Unruhe.


Sätze wie „Das stimmt doch gar nicht“, „Du bist doch zu Hause“ oder „Das habe ich dir schon zehnmal gesagt“ helfen meist nicht. Sie können Scham, Angst oder Widerstand verstärken.


Besser ist es, das Gefühl hinter der Aussage ernst zu nehmen.


Statt:

„Du musst nicht nach Hause, du bist doch hier zu Hause.“

Besser:

„Sie möchten an einen sicheren Ort. Ich bleibe bei Ihnen. Wir schauen jetzt gemeinsam, was Ihnen guttut.“


Es geht nicht darum, die Realität zu verleugnen. Es geht darum, die Situation nicht zusätzlich zu eskalieren.



Wann ärztliche Abklärung wichtig ist


Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, wenn die abendliche Unruhe plötzlich neu auftritt, deutlich zunimmt oder mit Schmerzen, Fieber, Stürzen, starkem Schlafmangel, Halluzinationen oder aggressivem Verhalten verbunden ist.


Auch Infekte, Schmerzen, Harndrang, Dehydration, Hunger, Nebenwirkungen von Medikamenten oder Schlafstörungen können Unruhe verstärken. Besonders bei plötzlicher Verwirrtheit sollte immer geprüft werden, ob eine körperliche Ursache dahintersteht.


Sundowning darf deshalb nicht vorschnell als unvermeidbarer Teil der Demenz eingeordnet werden. Manchmal gibt es konkrete Auslöser, die behandelt oder verändert werden können.



Und was ist mit den Angehörigen selbst?


Sundowning betrifft nie nur die betroffene Person. Es betrifft das ganze Umfeld.


Viele Angehörige beschreiben den Abend als die schwerste Tageszeit. Genau dann, wenn sie selbst erschöpft sind, steigt die Unruhe. Das kann zu Gereiztheit, Schuldgefühlen, Hilflosigkeit oder innerer Überforderung führen.


Deshalb ist Entlastung kein Luxus. Sie ist Teil einer tragfähigen Versorgung.


Angehörige brauchen Pausen, klare Zuständigkeiten, realistische Erwartungen und fachliche Begleitung. Niemand kann dauerhaft ruhig, geduldig und belastbar bleiben, wenn er selbst keine Unterstützung bekommt.


Ein wichtiger Satz lautet:

Sie müssen nicht alles verhindern. Aber Sie können lernen, Situationen früher zu erkennen, besser einzuordnen und menschlicher zu gestalten.


Sundowning kultursensibel betrachten


In Familien mit Migrationsgeschichte können zusätzliche Belastungen entstehen. Sprache, Rollenbilder, Scham, familiäre Erwartungen und Unsicherheit im Versorgungssystem können beeinflussen, wie Sundowning verstanden und begleitet wird.


Manche Angehörige empfinden es als persönliches Versagen, wenn sie abends ungeduldig werden. Andere holen sich spät Hilfe, weil Demenz innerhalb der Familie nicht offen besprochen wird. Wieder andere übersetzen ständig zwischen Versorgungssystem, Familie und betroffener Person.


Kultursensible Demenzberatung bedeutet hier nicht nur Übersetzung. Es bedeutet, den gesamten Zusammenhang zu verstehen: Biografie, Sprache, Familie, Versorgungserfahrung und die Frage, welche Unterstützung wirklich erreichbar ist.


Fazit: Verstehen statt bekämpfen


Sundowning bei Demenz ist kein Fehlverhalten. Es ist oft Ausdruck von Überforderung, Unsicherheit, Erschöpfung oder nicht erkannten Bedürfnissen.


Wer Sundowning versteht, reagiert anders. Weniger mit Druck. Mehr mit Struktur. Weniger mit Diskussion. Mehr mit Orientierung. Weniger mit Schuld. Mehr mit fachlicher Einordnung.


Für Angehörige bedeutet das: Sie müssen die Situation nicht perfekt lösen. Aber sie können lernen, Muster zu erkennen, Auslöser zu reduzieren und den Abend für alle Beteiligten sicherer und ruhiger zu gestalten.


Wenn die Abende regelmäßig zur Belastung werden


Wenn abendliche Unruhe, Angst oder Orientierungslosigkeit den Alltag belastet, kann eine fachliche Einordnung helfen.


In meiner Demenzberatung unterstütze ich Angehörige dabei, Symptome besser zu verstehen, Auslöser zu erkennen und tragfähige nächste Schritte zu entwickeln.



Fachliche Hinweise und weiterführende Informationen


Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Diagnostik oder Behandlung. Bei plötzlich auftretender oder stark zunehmender Unruhe, Schmerzen, Fieber, Stürzen, Halluzinationen oder deutlicher Wesensveränderung sollte ärztlich abgeklärt werden, ob körperliche Ursachen, Medikamente oder akute Belastungen beteiligt sind.


Fachlich orientiert an Informationen der Alzheimer’s Association und Alzheimer’s Society zu Sundowning, Schlafproblemen und herausfordernden Symptomen bei Demenz.


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