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Kultursensible Pflege & Beratung

  • Autorenbild: Mefküre Ülker
    Mefküre Ülker
  • 3. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Dez. 2025

Kultursensible Pflege bei Demenz – Demenzdiagnose in migrantischen Familien und Therapiegespräche


Wenn in einer Familie mit Migrationshintergrund eine Demenzdiagnose gestellt wird, trifft das die Beteiligten oft auf mehreren Ebenen. Es geht nicht nur um medizinische Fakten, sondern auch um Sprache, Werte, Scham und Vertrauen. Wie spricht man in solchen Situationen über Therapieoptionen, ohne zu überfordern – und ohne zu verletzen?


Kultursensible Pflege heißt, medizinisches Wissen in menschliche und kulturelle Kontexte einzubetten. Das beginnt schon beim ersten Gespräch.


Jüngere Frau mit Kopftuch umarmt ältere Frau – Symbol für Vertrauen, Nähe und kultursensible Pflege bei Demenz in migrantischen Familien.

Zwischen Diagnose und Bedeutung


Viele Familien erleben eine Demenzdiagnose als Schock. In manchen Sprachen gibt es kein neutrales Wort für „Demenz“ – häufig schwingen Begriffe mit, die Scham oder Schuldgefühle wecken. Wenn man sagt: „Das ist eine Erkrankung des Gehirns, die das Denken und Erinnern verändert, aber nicht Ihre Schuld ist“, öffnet sich oft der erste Raum für Verständnis.


Wichtig ist, dass die betroffene Person, so weit es ihr möglich ist, im Mittelpunkt bleibt. Angehörige sind wertvolle Partner, aber sie dürfen die Selbstbestimmung des Erkrankten nicht ersetzen. Eine klare, respektvolle Sprache hilft, Missverständnisse zu vermeiden – Dolmetschende sind dabei unerlässlich. Kinder oder Verwandte sollten nicht übersetzen müssen.



Über Therapieoptionen sprechen – zwischen Hoffnung und Realität



Wenn das Gespräch auf Behandlungsmöglichkeiten kommt, braucht es Feingefühl. In der EU wurde im April 2025 erstmals ein krankheitsmodifizierendes Medikament zugelassen: Lecanemab (Leqembi®). Es zielt auf die sogenannten Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, die für die Alzheimer-Krankheit typisch sind.


Für Angehörige klingt das nach einer großen Hoffnung – und das darf es auch. Doch die Realität ist differenzierter:Lecanemab kann den Verlauf messbar verlangsamen, aber nicht stoppen. Es ist nur geeignet für Menschen mit leichter Alzheimer-Demenz oder MCI (mild cognitive impairment), wenn die Amyloid-Pathologie gesichert ist.


Vor Beginn der Therapie wird eine genetische Aufklärung durchgeführt, weil Menschen mit einer bestimmten Erbanlage (APOE-ε4-Homozygote) ein höheres Risiko für Nebenwirkungen haben und daher nicht behandelt werden dürfen. Die Infusionen erfolgen alle zwei Wochen in zugelassenen Zentren mit enger ärztlicher Begleitung und regelmäßigen MRT-Kontrollen.


In Studien zeigte sich eine relative Verlangsamung des Krankheitsverlaufs um etwa 27 % über 18 Monate – ein messbarer Fortschritt, aber kein Wundermittel. Der Therapieerfolg hängt stark vom Zeitpunkt, vom allgemeinen Gesundheitszustand und von der Unterstützung im Alltag ab.


Diese Fakten verständlich zu erklären, ist Teil der kultursensiblen Kommunikation: realistisch, aber hoffnungsvoll.



Was Patient:innen und Familien brauchen


Gespräche über Therapie sollten nie nur medizinisch bleiben. In vielen Kulturen ist Krankheit ein Familienereignis, keine individuelle Angelegenheit. Die Entscheidung über eine Behandlung wird gemeinsam getragen – manchmal nach Rücksprache mit älteren Angehörigen oder religiösen Autoritäten.


Hier hilft ein offenes, einladendes Vorgehen:„Es gibt neue Behandlungsmöglichkeiten, die in frühen Stadien helfen können. Wir besprechen gemeinsam, ob das für Sie passt – medizinisch, aber auch praktisch und familiär.“


Dabei sollten Ärzt:innen und Pflegeberater:innen auch die praktischen Fragen ansprechen: Wie häufig sind die Termine? Wer fährt zur Klinik? Wie können Nebenwirkungen erkannt werden? Und welche Alternativen gibt es, wenn eine Therapie nicht infrage kommt?



Therapie ist mehr als Medikamente


Medikamente sind nur ein Teil der Behandlung. Bewegung, Schlaf, Ernährung, geistige Aktivität und soziale Kontakte bleiben zentrale Säulen – unabhängig von Kultur oder Herkunft. Doch kulturelle Gewohnheiten können hier Brücken oder Barrieren sein:

Ein täglicher Spaziergang durch den Park kann in einer Familie, die Mehrgenerationen-Haushalte lebt, anders aussehen als in einem Einpersonenhaushalt. Das gemeinsame Kochen, das Rezitieren von Gebeten oder Musik aus der Heimat – all das kann Teil einer kultursensiblen Aktivierung sein.


Auch Angehörige brauchen Unterstützung: Schulungen in der Muttersprache, niedrigschwellige Informationen über Pflegeleistungen und Entlastungsangebote. Wer die Familienkultur versteht, kann Vertrauen schaffen – und genau das ist Voraussetzung für wirksame Pflege.



Über Glaube, Scham und Vertrauen


Ältere Frau sitzt mit der Hand im Gesicht – Ausdruck von Überforderung und emotionaler Belastung nach einer Demenzdiagnose.

Kultursensible Pflege bei Demenz heißt auch, über Dinge zu sprechen, die oft unausgesprochen bleiben. In manchen Familien gilt es als Tabu, über „geistige Krankheiten“ zu reden. Hier helfen einfache Sätze:„Demenz bedeutet nicht Verrücktsein. Das Gehirn verändert sich – und es gibt Wege, den Alltag weiter zu gestalten.“


Auch religiöse Rituale können Halt geben: das Gebet, das gemeinsame Fastenbrechen, ein Segen. Wer Raum dafür schafft, integriert Spiritualität in die Therapie – nicht als Gegensatz, sondern als Ressource.



Fazit


Demenz ist keine rein medizinische Diagnose – sie ist eine Beziehungsaufgabe. In migrantischen Familien kommen Sprachbarrieren, kulturelle Erwartungen und manchmal tiefsitzende Ängste hinzu. Eine kultursensible Pflegeberatung bedeutet, diese Unterschiede nicht als Hindernis, sondern als Zugang zu sehen.


Über Therapieoptionen zu sprechen heißt dann: medizinisch fundiert, sprachlich verständlich und menschlich verbunden. Denn Vertrauen wächst dort, wo Wissen mit Respekt geteilt wird.

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