Sundowning bei Demenz: Wenn abends die Unruhe zunimmt

Aktualisiert: vor 2 Stunden
Am späten Nachmittag verändert sich die Stimmung. Ein Mensch mit Demenz läuft häufiger umher, fragt wiederholt nach seiner Mutter oder möchte nach Hause. Was tagsüber noch vertraut erschien, wirkt plötzlich fremd. Gleichzeitig sind die Angehörigen nach einem langen Tag selbst erschöpft.
Wenn solche Beschwerden wiederkehrend gegen Abend zunehmen, wird häufig von Sundowning gesprochen. Um damit angemessen umzugehen, sind der Tagesverlauf, mögliche körperliche Beschwerden und die persönliche Lebenssituation zu berücksichtigen.

Was bedeutet Sundowning bei Demenz?
Sundowning beschreibt eine Zunahme von Unruhe, Angst, Reizbarkeit oder Verwirrtheit, meist am späten Nachmittag oder Abend. Die Beschwerden können bis in die Nacht anhalten.
Manche Menschen gehen wiederholt umher, suchen eine vertraute Person oder möchten einen bestimmten Ort aufsuchen. Andere wirken misstrauisch, rufen häufiger oder finden schwer zur Ruhe. Auch Halluzinationen können vorkommen.
Der Begriff bezeichnet keine eigenständige Erkrankung, sondern ein zeitliches Muster verschiedener Beschwerden. Nicht jeder Mensch mit Demenz erlebt Sundowning. Ebenso ist nicht jede nächtliche Unruhe oder Schlafstörung damit gleichzusetzen.
Die Beobachtung, dass Beschwerden abends zunehmen, erklärt noch nicht, wodurch sie ausgelöst werden.
Wann Unruhe umgehend ärztlich abgeklärt werden muss
Wenn Verwirrtheit oder auffällige Verhaltensänderungen innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen neu auftreten, ist eine umgehende ärztliche Beurteilung erforderlich.
Das gilt besonders, wenn die Person deutlich unaufmerksamer ist, ungewöhnlich schläfrig wirkt, schlechter ansprechbar ist oder sich ihr Zustand stark verändert. Dahinter kann ein Delir stehen, ein akut auftretender Verwirrtheitszustand.
Ein Delir kann auch bei bereits bestehender Demenz auftreten. Dass Beschwerden abends stärker werden, schließt es nicht aus. Mögliche Auslöser sind beispielsweise Infektionen, Flüssigkeitsmangel oder Medikamente.
Bei deutlicher Bewusstseinstrübung, Atemnot, Schlaganfallzeichen oder anderen lebensbedrohlichen Beschwerden wählen Sie die 112. Für dringende, nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Praxiszeiten ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 erreichbar.
Warum kann die Unruhe am Abend zunehmen?
Die genauen Ursachen von Sundowning sind nicht vollständig geklärt. Vermutlich wirken bei vielen Betroffenen mehrere Faktoren zusammen.
Eine Rolle können Veränderungen der inneren Uhr spielen. Demenzerkrankungen können beeinflussen, wann ein Mensch wach und aufmerksam oder müde ist. Wenig Tageslicht, lange Schlafphasen am Tag und ein unregelmäßiger Tagesablauf können den Schlaf-Wach-Rhythmus zusätzlich beeinträchtigen.
Auch Erschöpfung kommt als Einflussfaktor infrage. Gespräche, Geräusche und alltägliche Anforderungen können im Tagesverlauf anstrengender werden. Gegen Abend fällt es dann möglicherweise schwerer, Situationen einzuordnen.
Mit abnehmendem Tageslicht verändern sich außerdem Schatten und Spiegelungen. Eine unübersichtliche oder schlecht ausgeleuchtete Umgebung kann verunsichern. Einschränkungen des Sehens oder Hörens sollten ebenfalls berücksichtigt werden.
Schmerzen, Hunger, Durst oder Harndrang können die Unruhe verstärken. Bei neuen oder deutlich zunehmenden Beschwerden muss deshalb geprüft werden, ob behandelbare körperliche Ursachen oder Nebenwirkungen von Medikamenten beteiligt sind.
Was Angehörige konkret tun können
Welche Unterstützung passt, hängt von der Person und der jeweiligen Situation ab. Ein ruhiger Abend kann entlastend sein. Manche Menschen brauchen jedoch weiterhin Bewegung oder eine vertraute Beschäftigung.
Den Tagesrhythmus berücksichtigen
Verlässliche Zeiten für das Aufstehen, Mahlzeiten und die Nachtruhe können Orientierung geben. Planen Sie anstrengende Termine möglichst für Tageszeiten, zu denen die Person gewöhnlich aufmerksamer und belastbarer ist.
Bieten Sie tagsüber Gelegenheit für Tageslicht und passende Bewegung. Das kann ein gemeinsamer Spaziergang sein oder eine andere Aktivität, die den Fähigkeiten und Vorlieben entspricht. Berücksichtigen Sie zugleich notwendige Ruhepausen.
Wenn nachts Schlafprobleme bestehen, lohnt sich auch ein Blick auf lange oder späte Schlafphasen am Tag.
Licht zur Orientierung nutzen
Sorgen Sie am Abend für eine gleichmäßige, blendfreie Beleuchtung. Beobachten Sie, ob Schatten, Spiegelungen oder dunkle Raumbereiche die Person irritieren.
Zum Schlafen sollte die Umgebung ruhig und angemessen abgedunkelt sein. Eine dezente Beleuchtung wichtiger Wege, beispielsweise zur Toilette, kann dennoch erforderlich sein.
Körperliche Bedürfnisse beachten
Prüfen Sie, ob die Person etwas essen oder trinken möchte, zur Toilette muss oder Anzeichen von Schmerzen zeigt. Nicht jeder Mensch mit Demenz kann solche Bedürfnisse noch eindeutig benennen.
Auch ungewohntes Umhergehen, eine veränderte Körperhaltung oder Abwehr bei bestimmten Bewegungen können Anlass sein, genauer hinzusehen. Bei einem Schmerzverdacht ist ärztliche Abklärung erforderlich.
Reize und Anforderungen anpassen
Ein laufender Fernseher, mehrere gleichzeitige Gespräche oder häufige Wechsel der Bezugspersonen können anstrengend sein. Reduzieren Sie störende Reize und geben Sie Zeit, auf Ansprache oder Angebote zu reagieren.
Vertraute Musik, eine kleine Beschäftigung oder gemeinsames Sitzen können passend sein, wenn die Person dies angenehm findet. Achten Sie darauf, ob ein Angebot tatsächlich beruhigt oder zusätzlich beansprucht.
Beobachtungen festhalten und Zusammenhänge erkennen
Kurze Notizen können helfen, wiederkehrende Situationen besser einzuordnen.
Festhalten lässt sich beispielsweise:
Wann beginnt die Unruhe, und wie lange hält sie an?
Was ist unmittelbar vorher geschehen?
Wie waren Schlaf, Aktivitäten und Ruhephasen an diesem Tag?
Gab es Hinweise auf Schmerzen, Hunger, Durst oder Harndrang?
Welche Reaktion hat entlastet, welche die Anspannung verstärkt?
Beschreiben Sie zunächst, was Sie tatsächlich beobachten. Dass die Unruhe nach dem Abendessen beginnt, bedeutet beispielsweise noch nicht, dass das Essen die Ursache ist.
Solche Aufzeichnungen können auch für ein ärztliches Gespräch oder eine fachliche Beratung hilfreich sein. Bei akuten Veränderungen sollte die medizinische Abklärung jedoch nicht durch längeres Beobachten verzögert werden.
Wie Sie auf belastende Aussagen reagieren können
„Ich muss nach Hause“ oder „Ich muss meine Mutter suchen“ können ausdrücken, dass die Person etwas Vertrautes vermisst oder sich unsicher fühlt. Welche Bedeutung eine Aussage hat, lässt sich nur im persönlichen Zusammenhang verstehen.
Wiederholte Korrekturen und lange Diskussionen können in einer angespannten Situation zusätzlich überfordern. Versuchen Sie, das Anliegen aufzugreifen und ruhig zu bleiben.
Eine mögliche Antwort lautet:
„Sie möchten nach Hause. Ich bleibe bei Ihnen.“
Wenn die Umgebung gerade belastend ist, kann ein konkretes Angebot folgen:
„Hier ist es laut. Möchten Sie mit mir in das andere Zimmer gehen?“
Verwenden Sie die vertraute Anrede und kurze, verständliche Sätze. Lassen Sie Zeit für eine Reaktion. Auch Körpersprache und Ablehnung sind zu beachten.
Es gibt keinen Satz, der in jeder Situation wirkt. Entscheidend ist, wie die Person auf die Ansprache reagiert.
Auch Angehörige brauchen Entlastung
Wiederkehrende Unruhe am Abend kann die eigene Erholung erheblich einschränken. Wenn zusätzlich die Nachtruhe gestört ist, wird die Begleitung auf Dauer besonders beanspruchend.
Besprechen Sie möglichst konkret, wer zu belastenden Tageszeiten unterstützen oder zeitweise übernehmen kann. Je nach Situation kommen Angehörige, vertraute Personen oder Betreuungsangebote infrage. Eine Beratungsstelle kann dabei helfen, erreichbare Unterstützung zu finden.
Auch bei aufmerksamer Begleitung lässt sich nicht jede unruhige Phase verhindern. Wenn die Belastung Ihre Kräfte übersteigt oder Sie die Sicherheit nicht mehr gewährleisten können, braucht es zusätzliche Hilfe.
Sundowning kultursensibel begleiten
Welche Abendgestaltung als vertraut und beruhigend erlebt wird, ist individuell. Biografie, bevorzugte Sprache, familiäre Beziehungen und bisherige Versorgungserfahrungen können dabei eine Rolle spielen.
Fragen Sie nach persönlichen Gewohnheiten: Welche Sprache versteht die Person aktuell gut? Wann war sie gewöhnlich aktiv, wann ging sie schlafen? Welche Formen von Nähe oder Unterstützung nimmt sie an?
Bei Menschen mit Migrationsgeschichte und in mehrsprachigen Familien können sprachliche oder strukturelle Barrieren hinzukommen. Ob solche Schwierigkeiten bestehen, muss im Einzelfall geklärt werden. Herkunft oder Religion erlauben keine verlässlichen Rückschlüsse auf persönliche Bedürfnisse und familiäre Haltungen.
Kultursensible Begleitung berücksichtigt, welche Unterstützung für diesen Menschen passend und für die Familie tatsächlich erreichbar ist.
Wenn die Abende regelmäßig zur Belastung werden
Wenn abendliche Unruhe den Alltag bestimmt, ist eine strukturierte fachliche Einordnung sinnvoll. Dabei werden der Tagesverlauf, mögliche Auslöser und die bisherigen Reaktionen gemeinsam betrachtet.
In meiner Demenzberatung unterstütze ich Angehörige dabei, ihre Beobachtungen zu ordnen und passende nächste Schritte für die Begleitung im Alltag zu entwickeln. Biografische und kultursensible Fragestellungen werden dabei berücksichtigt.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnostik oder Behandlung.
Quellen
NICE NG97: Empfehlungen zu Belastungssymptomen und Schlafproblemen, insbesondere 1.7.1–1.7.2 und 1.7.14
NICE CG103: Warnzeichen und Abklärung eines Delirs, insbesondere 1.3 und 1.6



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